Futterselektion: Definition und Grenzen

...denn sie wissen DOCH, was sie tun!

Was heißt „selektieren“?

Wenn wir Tiere beobachten, ist es oftmals schwierig, zwischen Verhalten, das der Nahrungsaufnahme, und solchem, das medizinischen Zwecke dient, zu unterscheiden, denn dies ist eine künstliche Einteilung. Nahrung und Medizin können als zusammenhängendes Ganzes beschrieben werden.
- von Cindy Engel: Wild Health (Biologin und Dozentin für Umweltwissenschaften an der Open University, England)

 

Selektieren bedeutet auswählen. In Bezug auf Tiere und Futter spricht man vom Selektieren, wenn die Tiere nach Geschmack, Wirkung, Mangelzuständen und Bedarf bestimmte Pflanzen(teile) gezielt auswählen und fressen. Die Grenzen zwischen den drei Wahlaspekten ist dabei verschwommen und dieses Gebiet ist (leider) noch nicht genau erforscht.

Jedes Tier ist ein komplexes Individuum und kein Alleinfutter erfüllt den Anspruch jedes dieser Individuen tiergerecht zu ernähren. Im Grunde genommen sind wir Halter nicht in der Lage unsere Heimtiere langfristig tiergerecht zu ernähren, außer wir versuchen ihnen die Möglichkeit zu geben selber zu selektieren und ernähren sie dauerhaft abwechslungsreich so wie man es aus seiner eigenen Ernährung kennt.

Ein Tier weiß normalerweise am besten, was es braucht, denn es hat dieses Wissen durch Anpassung und Lernprozesse erworben. Unter Laborbedingungen haben Mäuse [Anm.: und versch. andere Tiere] gezeigt, dass sie es besser als ihre menschlichen Betreuer verstehen, ihre Nahrung im richtigen Verhältnis zusammenzustellen und dadurch ihren Gesundheitszustand zu optimieren.

Nachdem bisher nur wenig über die Ernährungsgewohnheiten bekannt ist, verwundert es kaum, dass jegliche Bedürfnisse nach Selbstmedikation meist völlig ignoriert werden. Diese äußerst wichtige "Medizin", die so viel dazu beiträgt, Krankheiten vorzubeugen oder die Gesundheit wiederherzustellen, wird bisher nicht als Erfordernis bei der Haltung von Tieren betrachtet.

- vgl. Dr. Cindy Engel, ebd.

Wie funktioniert Selektion?

Jedes Tier das gesund ist, besitzt eine "Witterung" dafür, ob ihm diese oder jene Pflanze bekommt oder nicht. Es lässt Pflanzen, die ihm unbekömmlich sind liegen und wählt die ihm zusagenden aus.
- von Walter Gadsch (1942): Die zeitgemäße Kaninchenfütterung

Wildtiere erkennen und meiden unbekömmliche Pflanzen instinktiv solange genügend andere fressbare Flora vorhanden ist. Auch unsere Heimtiere tun dies, wenn man sie natürlich und abwechslungsreich ernährt und sich ihnen die Möglichkeit bietet zwischen verschiedenen Pflanzen wählen können. Mit Ihrem ausgezeichneten Geruchssinn wählen Tiere unter arttypischem Futterangebot Ihre Nahrung aus, auch der Probebiss dient dazu die Pflanzen richtig einzuschätzen. Ebenso dient das Optische zur Pflanzeneinschätzung.

Fast alle Tiere haben eine gewisse Futterweisheit, Mangelsituationen durch entsprechende Futterwahl auszugleichen. Auch die Meidung von verunreinigtem Futter und von Geilstellen ist ihnen gemein.
- von Sambraus (1991):
sundoc.bibliothek.uni-halle.de/diss-online/09/09H045/t3.pdf

Pflanzen haben während der Evolution diverse Abwehrmechanismen gegen Fressfeinde entwickelt und diese machen sich unsere Tiere zu Nutze, um die Nahrung einzuschätzen. So warnt bestimmtes Aussehen (viele sehr farbenintensive Pflanzen sind hochgiftig), der Geruch/Gestank oder der bittere/saure etc. Geschmack die Tiere davor, sich an der Pflanze nur mäßig bzw. bei Bedarf oder gar nicht zu bedienen. Mehr zu den Abwehrstoffen/sekundären Pflanzenstoffen siehe unter http://www.chinchillaschutzforum.com/t1106-sekundare-inhaltsstoffe-in-pflanzen-vorstellung-einiger-wichtigster-stoffe-in-pflanzen-und-ihrer-wirkung

Auch Studien an Meerschweinchen zeigten selektiven Fressverhalten:

Wild cavies injected with lithium chloride following a first exposure to 0.008 M sodium saccharin did not consume measurable amounts of this tastant upon a second exposure. Only a slight depression of intake of 0.00025 M sucrose octaacetate was produced by lithium induced illness. Cavies were able to distinguish toxic from non-toxic plants. Animals accepted crabgrass, common plantain and a sedge species but quickly rejected Japanese honeysuckle. Common nightshade was first accepted and later totally rejected by some animals. Others continued to eat some nightshade, primarily stem tissue. A glycoalkaloid analysis of nightshade tissues revealed much lower concentrations of these toxic compounds in stem tissue than in leaf blade or petiole tissues. These results indicate that cavies can form conditioned aversions to foods as well as to pure tastants in laboratory experiments. Conditioned aversion formation is offered as the likely mediator of poison avoidance by this species in the wild.
- Jacobs, W. et al. (1979): Conditioned aversion, bitter taste and the avoidance of natural toxicants in wild guinea pigs

Pflanzen unterscheiden sich jedoch nicht nur durch ihre sekundäre Inhaltsstoffe und somit ihre Heil-/Giftstoffe, sondern auch durch den Gehalt dieser und durch den gehalt von Schadstoffen, Vitaminen, Eiweiß, Zucker oder Mineralien - er variiert je nach Saison, Bodenbeschaffenheit, Standort, Niederschlag und vielen anderen Aspekten. Und jeder Pflanzenteil hat andere Nähr- und Wirkstoffe (Wurzeln, Samen, Kraut, Stiel, ...). Anhand ihrer Instinkte können (gesunde) Tiere die Wertigkeit der Futterpflanze identifizieren und sich sie zu ihem Vorteil machen.

Wo liegen die Grenzen der Selektion?

Soweit die Kunst es aber auch darin gebracht haben mag, den Instinct der Thiere zu unterdrücken und ihnen Futtermittel aufzunötigen, die mit ihrer naturgemäßen Nahrung wenig Aehnlichkeit mehr haben, so macht doch der Organismus der Hausthiere noch immer seine Ansprüche geltend. Es werden auch niemals Erziehung und Eingewöhnung im Stande sein, die gesamte Constitution der Thiere so zu modifizieren, daß wir uns von der Rücksicht auf ihre darin beruhenden Anforderungen an die Ernährungsweise lossagen können.
- von Hermann Settegast (1872)

Doch auch in der Natur kann es zu Vergiftungen kommen z.B. wenn die Tiere großen Hunger aufgrund von Futternot haben und dann zu viel von problematischen jedoch eben vorhandenen Pflanzen zu sich nehmen, die in normalen Menge völlig unproblematisch sind und sonst als gute Mitfutterpflanzen dienen.

Neben Hungersnot können Tiere jedoch auch aus Unerfahrenheit an problematische bis giftige Pflanzen gehen und sogar sterben, wenn diese hochgiftig sind und die Tiere keine Chance haben, da bereits ein Probebiss zur Vergiftungserscheinungen führt.

Beides kommt jedoch relativ selten vor und ist meist durch den Menschen (Ausdrohdung, Monokulturen(-anbau), Wegnahme oder Reduzierung des natürlichen Lebensraumes), wirtschaftliche Land- und Bodennutzung oder durch das Wetter verschuldet. Jungtiere haben übrigens bereits angeborene Instinkte, aber parallel dazu lernen sie auch von adulten, erfahrenen Artgenossen, was genießbar ist und was weniger. Pferde oder Kaninchen, die naturnah auf der Weide gehalten werden, vergiften sich nur, wenn die Weide wenig Pflanzenarten bietet und sehr einseitig bewachsen ist. Dasselbe liegt natürlich ebenfalls bei anderen naturnah gehaltenen Tiere sowie Wildtiere vor.

Mit Giftpflanzen, die auf Wiesen vielfach auftreten, sei man nicht zu ängstlich. Wenn Tiere ausreichend Futter haben, meiden sie stark giftige Pflanzen von selbst. Geringe Mengen sind in der Regel für Kaninchen auch gar nicht schädlich, wenn sie im übrigen in gutem Futterzustande sind, also eine gewisse Widerstandskraft haben.
- von Friedrich Joppich (1949)

Selektionsfehler können aber auch aufgrund von Erkrankungen, die z.B. den Geruchssinn trüben.

Oder es passieren Selektionsprobleme – und das gilt in der Haustierhaltung – aufgrund von Haltungsfehlern, die z.B. Langeweile fördern. Dazu zählt auch das Anbieten von Fertigfuttermitteln, die stark verarbeitet sind und nicht in ihrer natürlichen Form gereicht werden (gepresst, gebacken...) und zudem oft mit Aromen, Geschmacksverstärkern, Farbstoffen, chemischen Zusatzstoffen etc. versehen werden, können sich auf das Selektionsvermögen negativ auswirken, weil sie die olfaktorischen, visuellen und geschmacklichen Sinne trüben. Füttert man nur oder hauptsächlich Fertigfutter oder aber generell einseitg, so gilt:

Sie [die Tiere] können dann nicht wie in der Natur oder bei vielseitigem Frischfutter durch Bevorzugung bestimmter Futterstoffe die Nährstoffzufuhr qualitativ ihrer Stoffwechsellage anpassen.
- von Hörnicke, H. (1978): Futteraufnahme beim Kaninchen - Ablauf und Regulation. Übersetzung Tierernährung 6, 91-148

Wildtiere selektieren im Spätsommer und Herbst energiereichere Kost bzw. natürliches Kraftfutter wie Eicheln, Früchte, Kastanien, Bucheckern, eiweißreiche Kräuter etc. um mit dem Winterspeck über den Winter zu kommen. Auch Chinhalter haben bei ihren Heimtieren das Anfüttern von Wintergewicht beobachtet – der natürliche Instinkt ist auch unseren Haustieren gegeben und kann durch die unnatürliche Haltung nicht abgewöhnt oder gar weggezüchtet, sondern höchstens eingeschränkt, werden! Selbst Kaninchen, die sehr lange als Haustiere gezüchtet und gehalten werden, haben die identische Verdauung wie ihre wilden Verwandten und können tagsüber frei im Garten gehalten werden mit all der dort vertretbaren Flora, solange sie artenreich und abwechslungsreich ist. An Giftpflanzen gehen sie nicht oder nur so weit bis diese vertragen oder gar benötigt werden (Selbstmedikation z.B. bei Parasiten). Aber nicht nur das konnte bei abwechslungsreich ernährten Chinchillas durch ihre Halter beobachtet werden: es ist nicht von der hand zu weisen, dass jedes Tier individuell selektiert, sich Vorlieben immer wieder ändern und je nach Saison Verschiedenes bevorzugt wird, ob nun frisch oder trocken, ob mehr Samen oder Grünes etc.

Entgegen bisheriger irreführender Informationen im Netz u.a. ist das Chinchilla auch kein Kargköstler. Es bevorzugt bei entsprechender Futterauswahl die energie- und nährstoffreicheren Pflanzenteile von Kräutern und Gräsern, nämlich die Blattspitzen, und nicht die Rispen und Stängel (z.B. bei Luzerne, Löwenzahn, Salatblättern etc.). Diese Teile werden ausgeselektiert und oft liegen gelassen.

Das Äußere der Tiere ändert sich zwar, das Innere und die Instinkte hingegen nicht. Und unsere Chins werden vergleichsweise erst kurz als Heimtiere gehalten!

Gegenüber Giftpflanzen ist das Kaninchen [Anm.: und das gilt auch für andere herbivore Kleinsäuger!] übrigens recht unempfindlich. Pflanzen, die für andere Tiere und Menschen schädlich sind, wie Schöllkraut, Sumpfdotterblume, Ackerwinde, Kornrade, Hahnenfuß und Mohn sind für das Kaninchen unschädlich und können in nicht allzugroßen Mengen im Gemsich mit anderen Pflanzen verfüttert werden.
- von Peter Schley, 1985

Echte Herbivore, aber v.a. Folivore, sind darauf ausgelegt mit Pflanzen optimal umzugehen, diese einzuschätzen und sich ihre Wirkstoffe zunutze zu machen. Insbesondere pflanzenfressende Nagetiere und Kaninchen beherrschen die Pflanzenheilkunde wie kein anderer. Einen spezialisierten Pflanzenfresser wird so schnell nichts vergiften, wenn man einige Regeln beachtet!